Karl Gattner wurde 1872 in Annatal (Kadlubietz) geboren. Er verbrachte einen Großteil seines Lebens in Domb (Kattowitz), wo er als Lehrer arbeitete. 1938 ließ er sich mit seiner Familie in Opperau bei Breslau nieder. 1945 blieb er zunächst als Einziger seiner Familie in Schlesien und wurde im Winter 1946 aus Opperau vertrieben.
„In dieser scheinbaren Sicherheit gewiegt und nichts Böses ahnend, brachten wir, Nichte Magda und ich, am 14. Januar 1945 zwei große Kisten mit allerlei eingekochtem Obst, Gemüse und eingekochten Erdbeeren in Gläsern nach dem Güterbahnhof Lohbrück zum Abtransport nach Kattowitz an die Schwiegertochter „Froll“ (Gertrud Gattner). Diese wertvolle Sendung erreichte nicht mehr ihr Ziel. Am selben Tage abends meldete der Ründfunk den Durchbruch der Rüssen im Weichselbogen. Der rüssische Vorstoß war so gewaltig, daß die deutschen Armeen überrannt wurden, ohne daß diese nennenswerten Widerstand leisten konnten. Die Rüssen rückten außergewöhnlich rasch vorwärts und erreichten in wenigen Tagen die schlesische Grenze. Oberschlesien wird geräumt, meldete der Ründfünk. Breslau wurde zur Festung erklärt und die Bevölkerung evakuiert. Auch die Bevölkerung von Opperau rüstete zur Flucht.
Sonntag, den 21. Januar. Geschützfeuer aus dem Osten wird vernehmlich. Es wird kälter, das Thermometer zeigt 13 Grad. Vor der Kirche wird der Ernst der Lage besprochen. Niemand glaubt an den Sieg. Finis Germaniae! Montag, den 22. Januar 1945. Die ganze Nacht hört man Kanonendonner, zeitweise auch Maschinengewehrfeuer. Am Morgen stehen wir früher auf als sonst, Magda will Packen. Im Begriff zur Kirche zu gehen, erscheint unerwartet Grete. Sie war vor 3 Tagen aus Kattowitz geflohen und ist auf Umwegen in Breslau angelangt. Wir sind freudig überrascht, wir begrüßen uns herzlich. Beim Frühstück erzählte sie allerlei Neuigkeiten und nicht gerade angenehme Erlebnisse bei der Flucht. Hubert und Troll waren bei ihrer Abfahrt noch in Kattowitz. Grete und Magda sind zur Flucht entschlossen. Ich entschließe mich zum Bleiben. Folgende Gründe sind für mich entscheidend: 1. Ich fühle mich gesundheitlich nicht wohl. Darmbeschwerden setzen mir sehr zu, die sich auf der Flucht katastrophal auswirken könnten. 2. Ich hoffe immer noch, daß die Russen zurückgeschlagen würden und so Breslau vom Feind verschont bliebe. 3. Ich glaube nicht recht an die durch Rundfunk und Presse verbreiteten Russengräuel, die doch nur als Propaganda zu werten wären. 4. Nicht zuletzt wurde ich zum Bleiben veranlasst, um unser neues Haus mit den unersätzlichen Werten im Inneren zu schützen und zu erhalten. Keiner dieser Gründe erwies sich als stichhaltig. Die Russengräuel waren in Wirklichkeit noch schlimmer, als für uns warnend vorausgesagt wurden, unsagbar verstörender, als unsere Phantasie sie hätte je erfinden können.“