Der Autor der unten aufgeführten Briefe ist Wilhelm Krohmer, geboren am 22. März 1922 im Dorf Luxemburg in Georgien in der Familie des Winzers Josef Krohmer und seiner Frau Therese, geb. Kiess. 1941 verschlug es Wilhelm mit seinen Eltern und Geschwistern im Zuge der Deportation der deutschen Bevölkerung aus dem europäischen Teil der Sow jetunion in das Gebiet Pawlodar, Nordkasachstan. Er wurde im Januar 1942 zusammen mit seinem Vater durch das örtliche Wehrkreiskommando einberufen, aber nicht an die Front beordert, sondern in das Arbeitslager Tawdinlag unweit der Stadt Werchnjaja Tawda, Gebiet Swerdlowsk im Ural, überführt. Eine Zeit lang war er mit seinem Vater zusammen und konnte von ihm unterstützt werden. Nach der Demobilisierung des Vaters befand sich der durch ständigen Hunger und die harte Arbeit gänzlich geschwächte Junge einige Monate im Lagerlazarett, wo er am 16. Mai 1943 infolge mangelnder Ernährung und unzureichender medizinischer Versorgung verstarb.
Lagerbriefe von Wilhelm Krohmer
Geschrieben den 29. Juli 1942.:
Guten Abend liebe Mama und geschwister. Jetzt will ich euch auch ein paar worte schreiben wie es mir geht. Ich befinde mich [nicht] mehr in der Kirpitschni Sawod [Ziegelwerk], bin jetzt wieder im Lager wo ich früher war. Dort war ich 1 ½ Monate lang. Der Papa ist auch nicht mehr bei mir. Er ist in einen Sowхоз [Sowchose] gefahren ungefähr 40 km von unserem Lager. Ihr schreibt das ihr keine Briefe und Nachricht erhalten habt von der Postzentung [Postsendung]. Die ersten Postzentungen haben wir erhalten mit vollem Inhalt. Das Schweinefleisch war noch gut und hat geschmeckt wie noch nie im Leben mir, den es war was ganz ausergewöhnliches. Das gereste Mehl habe ich dem Papa gegeben und habe etwas mehr von rohem genommen, weil ich gerade an diesem Tag in die Kirpiчный завод [Zie gelwerk] ging, wir haben sie gerade erhalten am 29 Mai. Jetzt habe ich noch einen Brief erhalten vom 8 Juli vom Milchen welchen ich erhielt am 22 Juli. In welchen geschrieben steht das meine Postzentungen abgeschickt sind. Am andern Tag den 23 Juli erhielt ich schon meine, mit vollem Inhalt. Ich hatte eine sehr große Freude als ich sie erhielt, da ich die Säcklein mit dem gerösten Mehl und Zwieback sah. Der getrocknete Airom schmeckte auch sehr gut, den es ist sehr gut für den Magen. Heute habe ich Nachricht bekommen das der Papa seine [Post] auch erchalten hat. So viel ich weis geht es im jetzt gleichbesser wie mir, er ist Schweinefütter wie es mir ein Mann heute Morgen berichtete und es geht im gut wollt einen Brief abschicken, aber ich wusste es zu spät, das ein Wagen dorthinfährt. Den Brief wo ihr ihn geschriebt habt habe ich erhalten und ist noch bei mir. So will ich nochmals betonnen wo ich mich befinde und was ich umtreibe. Ich befinde mich gleich im Krankenhaus im Lager [unleserlich] ich auch schreibe, vom 27 Juli an. Habe Durchfall und bin so auch schwach geworden in 6 Monate hoff das ich bald rauskomme wieder, den die Krankheit ist nicht sehr schlimm. Darum braucht ihr auch keine Gedanken machen. Und der Zwieback u. Kaффе [Kaffee] kommt mir hier sehr gut. Von dem leg ich mir jedesmal in die Suppe rein beim Essen. Wenn ich wieder gesund bin will ich nachschauen vielleicht das sie mich überführen zum Papa das wir wieder beieinander sind. Ich dachte das wir bis zum August wiederkämmen aber der erste August ist schon hier und alles ist beim alten. Die Zeit ist mir so langweilig und unmutlich wie noch nie. Ich hatte heute Nacht einen Traum. Wir waren zu Hause, da war die Tante Berta und Jeda [Henriette]. Da war zwei große Samo ware auf dem Tisch. Ich ging in Keller Wein zu holen und hatte unter jedem Arm ein Mirpen [mürben] Zuckerkuchen von einem Meter größe. Dann assen wir zuerst Wasserrippelsuppe [Riebel suppe], dann Mannasuppe [Grießsuppe], Kuchen und Tee, dan Strudel und zulezt gebratene Kartoffel und Schafsbraten mit Wein. Hatte ich nicht ein guten Traum? So gehen bei mir alle Tage und bei Nacht die Gedanken von zu Hause. Wenn ihr könnt und habt was zu schicken, so schickt Knoblauch und Zwieback mehr. Ich danke euch für meine Postzendungen weil sie ist mir gut gekommen. Ihr denkt wahrscheinlich auch, das ich viel zusammengesudelt habe. Ich hoffe auf ein baldiges wiedersehen, grüße u. küsse euch alle. Wilhelm Krohmer.
Geschrieben den 24. April 1943:
Liebe Eltern und Geschwiester möchte euch ein paar Worte schreiben, wie es mir geht. Befinde mich noch in Карабашка [Karabaschka]7, und bin hier im Krankenhaus. Es ist jetzt gerade einen Monat. Ich habe das Leiden an der Lunge. Es wird Bliwrit [Pleuritis] sein, und ich bin dabei noch Magenkrank. Die Dok[t] orin hir in Каrабашка sagt wie ein besser Weg sein wird, wird sie mich nach Тавда [Tawda] ins Krankenhaus abschicken wird. Weiter weis ich soweit mir nichts zu schreiben. Habe zwei Briefe erhalten, einer war vom 13 Februar, der ande re vom 25 Februar, auf welche ich euch Antwort schreibe. Postzendungen habe ich alle erhalten welche an mich waren. Oder anders gesagt die vom Dezember Monat habe ich erhalten. Und eine welche vom Februar Monat welche der Vater schon abgeschickt hat, weis nicht mehr vom 13 oder 15 Februar das es war, habe ich auch erhalten. Und Briefe erhalte ich sehr wenig. Habe im ganzen 3 Briefe erhalten von euch. Neues gibt‘s sonst auch nicht. Wilhelm Friz wird doch euch die Lage vorstellen in Карабашка hier. Er weist auch wie es mit der Kost hier ist. Es ist so ziemlich alles, was ich schreiben wollte. Nun Lebet Wohl. Auf baldiges Wiedersehen. Wilhelm Krohmer