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Zeitzeugenbericht über David Kampen

Zeitzeugenbericht über David Kampen

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Über die Benachteiligung der Deutschen in der Sowjetunion:

"Die Frage, ob Deutsche in der Ukraine aus nationalen Gründen benachteiligt wurden, muss ich mindestens für die zweite Hälfte der 1930er Jahre bejahen. […] Bei einer Analyse des staatlichen Terrors wird man jedoch sehr schnell feststellen müssen, dass Deutsche öfter als Angehörige anderer Minderheiten und wesentlich häufiger als Personen der Staatsvölker (d.h. Völker, die eine eigene Republik hatten, z.B. Russen, Ukrainer, Kasachen) liquidiert wurden, wie es im Politjargon der Stalin-Ära hieß.

Aufschlussreich, aber widersprüchlich fand ich die sowjetische Schulpolitik hinsichtlich der deutschen Sprache. […] Am 1. September 1938 mussten alle deutschen Schulen (außerhalb der ASSR der Wolgadeutschen) ihre Unterrichtsprache von Deutsch auf Russisch oder die Sprache der jeweiligen Republik umstellen. Aus unserem Deutschen Pädagogischen Technikum wurde über Nacht eine Russische Pädagogische Lehranstalt. Unsere deutsche Muttersprache wurde zu einer Fremdsprache degradiert und deutsche Literatur in russischer Sprache im Fach „Weltliteratur“ gelesen. Die an genehme Überraschung folgte jedoch im Mai 1939, als man uns offenbarte, dass wir nach dem Examen einen Sonderlehrgang der Methodik der deutschen Sprache belegen dürften, um Deutsch an russischen oder ukrainischen Schulen zu unterrichten. Offenbar wollte auch das System nicht ganz auf Deutsch verzichten. Deutschland war seit Lenins Zeiten ein bevorzugtes Ziel der Weltrevolution. Außerdem war der Sommer 1939 die Zeit, in der zwischen Moskau und Berlin Entscheidungen getroffen wurden, deren Auswirkungen wir nicht ahnen konnten. […]"

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Über die Verhaftung und Hinrichtung von David Kampen:

"Mein Vater wurde dagegen am 14. November 1938 im besten Mannesalter von 46 Jahren im Gefängnis von Saporoschje erschossen. Das erfuhr unsere Familie mit letzter Gewissheit allerdings erst unmittelbar nach der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine vom 16. Juli 1990 nach mehreren Interventionen von Vaters Enkelin Ina Kampen. In der offiziellen Sterbeurkunde Nr. 364749 des SAGS2 (Einwohnermeldeamt) in Saporoschje vom 7. Juni 1990 heißt es: „Der Bürger Kampen David Davidowitsch ist am 14. November 1938 im Alter von 46 Jahren verstorben, was im Bürgerstandsbuch am 27. März 1990 unter der Akte Nr. 464 eingetragen worden ist. Todesursache: Erschießung Todesort: Saporoschje, USSR Registriert im SAGS namens Lenin in Saporoschje. Unterschrift des Büroleiters“ Ob das alles auch stimmte, darf bezweifelt werden, denn in einem früheren Schreiben des Justizministeriums der USSR vom 30. Januar 1990 an eine andere Kampen-Enkelin, Anastasia Koslowa, heißt es u.a.: „Die Anklage gegen David Davidowitsch Kampen, geb. 1998, ist vom Präsidium des Gebietsgerichts Saporoschje am 10. September 1958 überprüft worden. Der Beschluss der Trojka des UNKWD3 für das Gebiet Dnjepropetrowsk vom 9. Oktober 1938 wurde aufgehoben und die Akte wegen der unerwiesenen Anschuldigung gegen D. D. Kampen geschlossen. D. D. Kampen gilt in dieser Angelegenheit als rehabilitiert.“ […]

Die Verhaftung unseres Vaters war in der Nacht vom 20. auf den 21. Januar 1938 erfolgt. Es war die erste und schwerste Trennung unserer Familie. Andere Familien waren schon unmittelbar durch die Oktoberrevolution von 1917, die Ausreisewelle bis 1929 oder die Entkulakisierung und Verbannung danach auseinandergerissen worden. Wir haben unseren Vater nach seiner Verhaftung nie wieder gesehen und wissen bis heute nicht, wo er verscharrt wurde und wie man ihn umgebracht hat. […]

Unsere ersten Reaktionen nach Vaters Verschwinden galten vor allem der vergeblichen Suche nach einem Grund für seine Festnahme. Bei Spekulationen über die Verhaftung unserer deutschen Nachbarn fanden wir meistens etwas heraus, dass für die damalige Zeit besonderer „Wachsamkeit“ gegenüber potentiellen „Volksfeinden“ eine Rolle gespielt haben konnte: Die einen waren in deutscher Kriegsgefangenschaft gewesen, andere hatten Briefe oder Lebensmittelpakete aus dem Ausland erhalten, dritte waren mal zu reich, mal zu „aufsässig“, mal Offiziere beim Zaren oder bei den Weißgardisten gewesen. […] Und dann natürlich der Vorwurf „antisowjetische Propaganda“. Einen Grund für eine Verhaftung fanden die Organe immer. Aber Vater? Das traf doch alles auf ihn nicht zu! […] „Es kann nur sein Glaube gewesen sein“, so bereits damals meine Meinung. Mein Vater […] hatte sich um 1934 zum Ältesten der Chortitzaer Gemeinde der Siebenten-Tags-Adventisten wählen lassen. Das war allerdings zu einer Zeit, als es kaum noch einer wagte, für ein christliches Ehrenamt zu kandidieren. […]

Meine Mutter durfte zwischen Januar und November 1938 Lebensmittel, Kleidungsstücke oder ein paar Rubel am Gefängnistor abgeben. Ich weiß nicht, wie oft das war. Einige Male konnte ich mitfahren. Meinen Vater habe ich aber nur einmal aus respektabler Entfernung hinter der Gefängnismauer gesehen […] Irgendwann im Herbst 1938 kam Mutter mit ein paar von Vaters Kleidungsstücken aus Saporoschje nach Hause. […] Mutter erzählte uns unter Tränen, dass man Papa an einen fernen Ort verlegt hätte. An Sibirien dachten wir im ersten Augenblick nicht, aber an den Stalinkanal […] Wir warteten vergebens auf Post unseres Vaters. Einen Monat, ein Jahr, Jahre, ein Leben lang..."