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Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten

Bundesarchiv, Bild 146-1977-124-30
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https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Refugees_of_World_War_II_in_Germany?uselang=de#/media/File:Bundesarchiv_Bild_146-1977-124-30,_Berlin,_Fl%C3%BCchtlinge.jpg

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Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten

Flucht und Vertreibung als Folge des Zweiten Weltkriegs

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Etwa 14 Millionen Deutsche wurden in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges und danach aus ihrer Heimat jenseits der heutigen Grenzen der Bundesrepublik vertrieben. Es war „eines der folgenschwersten Ereignisse der europäischen Geschichte überhaupt und eine der größten Katastrophen in der Entwicklung des deutschen Volkes“ (Th. Schieder), das Ende vieler Jahrhunderte deutscher Geschichte im östlichen Europa. Wie hatte es dazu kommen können? Und wie erging es den Vertriebenen auf ihren erzwungenen Wegen in den Westen und in die alte Mitte eines jetzt untergehenden Deutschlands?

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© Grafik: Digitale Lernwelten GmbH

https://kulturstiftung.org/wissenschaft/forschungsstelle-ethnische-vertreibungen-fsev

Arrc

Der deutsche Neuzeithistoriker Theodor Schieder (1908-1984) über die geschichtliche Bedeutung von Flucht und Vertreibung der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkriegs und danach

Interaktive Karte zu den Siedlungsgebieten der Deutschen im Osten

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Vertreibung und NS-Kontext

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Urheber: unbekannter Fotograf

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Population_exchange_between_Greece_and_Turkey?uselang=de#/media/File:Asia_Minor_Moudania_Port_Greek_refugees_28_August_1922.jpg

PD

"Bevölkerungsaustausch" zwischen Griechenland und der Türkei Beginn der 19020er Jahre: Griechische Flüchtlinge am kleinasiatischen Hafen von Moudania (heute Mudanya, Turkei) am 28. August 1922.

Die Vertreibung hatte kurz-, mittel- und langfristige Ursachen. Die Wurzeln des Geschehens reichen bis in die im 19. Jahrhundert entstandene Ideologie des ethnisch reinen Nationalstaates zurück. Diese wurde bereits vor dem Ersten Weltkrieg auf dem Balkan und dann vor allem 1923 im Lausanner Vertrag über einen "Bevölkerungsaustausch" zwischen Griechenland und der Türkei zu praktischer Politik. Auch zwischen den Deutschen und ihren östlichen Nachbarn verschärften sich die seit dem Ende des "Völkerfrühlings" 1848 wachsenden Nationalitätenkonflikte weiter, als im Zuge der Friedensordnung nach dem Ersten Weltkrieg neue Nationalstaaten entstanden. Denn die deutschen Minderheiten im östlichen Europa sahen sich dort etwa in der Sprach- und Schulpolitik häufig benachteiligt.

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Urheber: Bundesarchiv, R 49 Bild-0131 / Wilhelm Holtfreter

https://de.wikipedia.org/wiki/Lebensraum_im_Osten#/media/Datei:Bundesarchiv_R_49_Bild-0131,_Aussiedlung_von_Polen_im_Wartheland.jpg

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Deutsche Vertreibungen während des Zweiten Weltkriegs: sog. "evakuierte" polnische Menschen, Schwarzenau (heute Czerniejewo, Polen) im Jahr 1939

In den Jahren 1938/39 nutzte das Hitler-Regime die Probleme im Fall der Tschechoslowakei und Polens als Vorwand, um seinen geplanten "Lebensraum"-Krieg im Osten vorzubereiten. Die folgende NS-Besatzungsherrschaft war so brutal, dass bei vielen Politikern im Untergrund und im Exil die Vertreibung der Deutschen zum vorrangigen Ziel einer künftigen Nachkriegsordnung wurde. Auch bei den Regierungen der USA und Großbritanniens sanken aufgrund der vom "Dritten Reich" verübten Menschheitsverbrechen die humanitären Bedenken.

Stalin als Motor der „Westverschiebung Polens“

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Urheber: Willtron derivative work: NNW (talk)

https://de.wikipedia.org/wiki/Zwangsumsiedlung_von_Polen_aus_den_ehemaligen_polnischen_Ostgebieten_1944%E2%80%931946#/media/Datei:Curzon-Linie.svg

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Westverschiebung Polens nach dem Zweiten Weltkrieg

Es ist zu unterscheiden zwischen der Vertreibung der Deutschen aus Regionen, in denen sie als nationale Minderheit gesiedelt hatten (z. B. im tschechoslowakischen Sudeten- und Karpatenland, in Ungarn, Jugoslawien und Polen) und dem Exodus aus alten preußischen Staatsgebieten wie Ostbrandenburg, Ostpreußen, dem östlichen Pommern, Schlesien und Danzig. Vor allem der letztere und größere Teil des Vertreibungsgeschehens hatte neben dem NS-Kontext noch eine weitere Ursache: Die imperialistische Politik der Sowjetunion.

Ihr Gewaltherrscher Stalin wollte die gemischt besiedelten Ostgebiete der polnischen Zwischenkriegsrepublik, die er 1939 im Pakt mit Hitler annektiert hatte, endgültig der Sowjet-Ukraine, -Weißrussland bzw. -Litauen einverleiben. Zwar lebten dort nur etwa 3 Millionen Polen gegenüber 9 Millionen Deutschen im preußischen Osten. Doch um Polen und Deutschland dauerhaft zu entzweien, drängte Stalin auf eine Westverschiebung Polens: Zunächst bis zur Oder, ab Herbst 1944 dann sogar bis zu einer Linie entlang von Oder und Lausitzer Neiße. Zusammen mit polnischen Kommunisten des „Lubliner Komitees“ und auf den Konferenzen von Teheran (1943) sowie Jalta und Potsdam im Februar und Juli 1945 arbeitete Stalin auf dieses Ziel hin. Die USA und Großbritannien lehnten die sowjetischen Grenzpläne zunächst ab, machten aber aus Rücksicht auf andere Fragen – etwa Polens Staatsform und deutsche Reparationen – schließlich Zugeständnisse.

Flucht, wilde Vertreibung und organisierte Zwangsumsiedlung

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Urheber: Norbert Kaiser

https://de.wikipedia.org/wiki/Vertreibung_der_Deutschen_aus_der_Tschechoslowakei#/media/Datei:Deutschneudorf_Gedenkstein_9.Juni1945_(03).JPG

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Deutschneudorf: Das Denkmal ie "Gedenkstätte 9. Juni 1945" erinnert an die Opfer des Todesmarsches sudetendeutscher Männer von Komotau (heute: Chomutov, tsch.) in Arbeitslager bei Mahlteuern (heute Litvinov, tsch.) während der Vertreibung der Sudetendeutschen.

Aus Angst vor Vergeltung der vorrückenden sowjetischen Truppen für NS-Verbrechen flohen ab Herbst 1944 Millionen Deutsche oft überstürzt aus ihrer Heimat im Osten. Plünderungen, Vergewaltigungen und Morde waren an der Tagesordnung. Um vollendete Tatsachen im Hinblick auf die angestrebten Nachkriegsgrenzen zu schaffen, kam es im polnisch-tschechisch-sowjetischen Machtbereich im Frühjahr 1945 bereits zu "wilden Vertreibungen", von denen über eine Million Deutsche betroffen waren. Auch viele Flüchtlinge, denen man eine Rückkehr verwehrte, wurden zu Vertriebenen.

Anfang August 1945 schufen die Potsdamer Beschlüsse der "Großen Drei" eine politische Grundlage für die "geregelte Überführung der deutschen Bevölkerung" aus dem künftigen polnischen Machtbereich, aus der Tschechoslowakei und Ungarn. Diese begann Ende 1945 unter unmenschlichen Bedingungen wie dem Transport in Viehwaggons. Das Ziel, den Transfer "ordentlich" und "human" durchzuführen, scheiterte an der Dimension der Vertreibungen. Die "Donauschwaben" in Jugoslawien, obwohl im Potsdamer Protokoll nicht erwähnt, wurden oft brutal in Lagern konzentriert und später vertrieben. Aus dem rumänischen Siebenbürgen und dem Banat wurden bis zu 80.000 Deutsche zur oft tödlichen Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert. Insgesamt kamen mindestens eine dreiviertel Million Deutsche infolge von Vertreibungsverbrechen ums Leben, über eine Million weitere Fälle haben sich bis heute nicht klären lassen.

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- YouTube
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https://www.youtube.com/watch?v=yL3WgTmnmTo

Eduard Goldstücker, Literaturwissenschaftler, Diplomat und Mitglied der Tschechoslowakischen Exilregierung in London, erzählt von wilden Vertreibungen Deutscher aus der Tschechoslowakei.
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Quelle

Der Vertreibungsartikel XIII des Potsdamer Protokolls vom 2. August 1945: „Ordnungsmäßige Überführung deutscher Bevölkerungsteile"

"Die Konferenz erzielte folgendes Abkommen über die Ausweisung Deutscher aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn: Die drei Regierungen haben die Frage unter allen Gesichtspunkten beraten und erkennen an, dass die Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland durchgeführt werden muss. Sie stimmen darin überein, dass jede derartige Überführung, die stattfinden wird, in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen soll. Da der Zustrom einer großen Zahl Deutscher nach Deutschland die Lasten vergrößern würde, die bereits auf den Besatzungsbehörden ruhen, halten sie es für wünschenswert, dass der alliierte Kontrollrat in Deutschland zunächst das Problem unter besonderer Berücksichtigung der Frage einer gerechten Verteilung dieser Deutschen auf die einzelnen Besatzungszonen prüfen soll. […]. Die tschechoslowakische Regierung, die Polnische Provisorische Regierung und der Alliierte Kontrollrat in Ungarn werden gleichzeitig von obigem in Kenntnis gesetzt und ersucht werden, inzwischen weitere Ausweisungen der deutschen Bevölkerung einzustellen, bis die betroffenen Regierungen die Berichte ihrer Vertreter an den Kontrollausschuß geprüft haben.“

Amtsblatt des Kontrollrats in Deutschland, Ergänzungsblatt Nr. 1, S. 13-19, XIII.

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Quelle

Äußerung des britisch-jüdischen Menschenrechtlers Victor Gollancz über die Vertreibungen der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg

"Sofern das Gewissen der Menschheit jemals wieder empfindlich werden sollte, werden diese Vertreibungen als die unsterbliche Schande aller derer im Gedächtnis bleiben, die sie veranlasst oder sich damit abgefunden haben. Die Deutschen wurden vertrieben mit dem denkbar höchsten Maß von Brutalität."

Victor Gollancz, Unser bedrohtes Erbe, Zürich, 1947, S. 156–157.

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Darstellung

Deutsches Kulturerbe in den Vertreibungsgebieten

Mit der Vertreibung verlor Deutschland Gebiete, die über viele Jahrhunderte aufs engste mit seiner Kultur und Geschichte verbunden gewesen waren, die Heimat etwa des Ostpreußen Immanuel Kant oder der oft jüdischen Breslauer Nobelpreisträger. Bauwerke wie die im 17. Jahrhundert errichtete Friedenskirche im schlesischen Schweidnitz sind heute UNESCO-Weltkulturerbestätten, die vom polnischen Staat gepflegt werden.


Manfred Kittel

Die Potsdamer Konferenz – und ihre Folgen

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Urheber: Bundesarchiv, Bild 183-R67561

https://de.wikipedia.org/wiki/Potsdamer_Konferenz#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-R67561,_Potsdamer_Konferenz,_Konferenztisch.jpg

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Verhandlungen von Potsdam im Sommer 1945: Am Konferenztisch wurden auch die Massenvertreibungen der Deutschen aus den deutschen Ostgebieten beschlossen. Man sieht u.a. die Staatsführer der allierten Siegermächte: Clement Attlee (Großbritannien), Josef Stalin (Sowjetunion) und Harry S. Truman (USA).

Die Potsdamer Konferenz (17. Juli bis 2. August 1945) war das wichtigste Treffen der drei Hauptalliierten des Zweiten Weltkriegs nach der Kapitulation Deutschlands. Hier zeigte sich endgültig, dass das Bündnis der Westmächte USA und Großbritannien mit der Sowjetunion nur durch den gemeinsamen NS-Feind zusammengehalten worden war. Einigkeit über Deutschlands und Europas Neuordnung war schwer zu finden, oft reichte es nur zu Formelkompromissen. Die „großen Drei“ beschlossen schließlich in einem "Protokoll" Deutschland in Besatzungszonen aufzuteilen, die Gebiete östlich von Oder und Neiße vorläufig Polen bzw. im Norden der UdSSR zu unterstellen und ihre Besatzungsherrschaft auf die "4 Ds" zu stützen: Demokratisierung, Denazifizierung, Demilitarisierung und Dezentralisierung. Als fünftes "D" kam schließlich die Demontage industrieller Maschinen und Anlagen hinzu

Artikel XIII des Protokolls sah die "ordnungsgemäße Überführung" der noch in ihrer Heimat verbliebenen Deutschen aus Ungarn, der Tschechoslowakei und "Polen" vor. Mit Polen waren auch die von Stalin schon vor Potsdam eigenmächtig unter polnische Verwaltung gestellten Ostgebiete des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937 gemeint. Bereits aus der Heimat Geflohene oder "wild" vertriebenen Deutsche durften nicht wieder zurückkehren. Die Regelungen waren das Ergebnis eines "kleinen Kuhhandels" (James F. Byrnes), dessen Gegenleistung im weitgehenden Verzicht der UdSSR auf Reparationen aus den westlichen Besatzungszonen bestand.

Bewertung und Einordnung der Vertreibungsbeschlüsse des Potsdamer Protokolls – einmalig in der Geschichte der Vertreibungen?

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Es gibt kein zweites Dokument in der Geschichte der Vertreibungen, das eine Gewaltmigration derartigen Ausmaßes einseitig verfügt hätte wie das Potsdamer Protokoll. Fast ebenso viele Menschen betraf lediglich der "gemeinsame Evakuierungsplan", den die Armeeführungen Indiens und Pakistans am 20. Oktober 1947 im Rahmen der "Partition of India" beim Abzug der britischen Kolonialmacht beschlossen. Dabei sollten Hindus und Sikhs aus Pakistan nach Indien und umgekehrt Muslime aus Indien nach Pakistan umgesiedelt werden, was aber ebenfalls zu zahlreichen Todesopfern führte. In Europa waren nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur Deutsche von Vertreibungen betroffen, sondern etwa auch eineinhalb Millionen Polen aus Gebieten von der heutigen Westukraine bis Litauen, Hunderttausende Finnen aus dem ebenfalls sowjetisch werdenden Karelien oder Italiener aus den nördlichen Küstenregionen Jugoslawiens.

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14 August 1947 | Pakistan India Partition Video Footages
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https://www.youtube.com/watch?v=FEuG_43N_Ds

Flüchtlinge während der sogenannten Teilung Indiens im Jahr 1947
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Darstellung

Vertreibungen und Nürnberger Prozesse – das Handeln der Alliierten mit Blick auf das Völkerrecht

Die Vertreibungen standen in einem erheblichen Spannungsverhältnis zur Rechtsprechung des parallel dazu 1945/46 stattfindenden Nürnberger Prozesses. Dort wurden führende Nationalsozialisten auch wegen von ihnen zu verantwortender Vertreibungen während des Krieges in Frankreich und Polen (als "Verbrechen gegen die Menschheit") verurteilt. Artikel XIII des Potsdamer Protokolls widersprach zudem geltendem Völkerrecht, da die Haager Landkriegsordnung von 1907 Kollektivstrafen gegen Zivilbevölkerungen verbot.